Kommentar: Das Kopftuch der Aqilah Sandhu

von Dirk Kranefuss

 

Eine muslimische Rechtsreferendarin wollte während ihrer Ausbildung auch im Gerichtssaal nicht auf ihr Kopftuch verzichten. Daraufhin untersagte ihr das Oberlandesgericht München den Auftritt in der Öffentlichkeit. Aqilah Sandhu sagt, sie sei von einer völlig willkürlichen Maßnahme betroffen gewesen, die sie in ihren Grundrechten der Glaubens- und Ausbildungsfreiheit stark eingeschränkt habe. Das Augsburger Verwaltungsgericht erklärte die Anordnung des OLG daraufhin für ungültig. Der Freistaat Bayern will dagegen Berufung einlegen.

 

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Behauptung von Aqilah Sandhu, sie sei in ihrer der Glaubens- und Ausbildungsfreiheit stark eingeschränkt, wenn sie kein Kopftuch trage, schlichter Unsinn ist. Denn Ausbildung wird durch ein Kopftuch nicht besser und den Koran zu lesen und zu praktizieren wird ihr nicht verwehrt, mit Ausnahme im Gerichtssaal. 

 

Wenn die Richter sich nur ein wenig mit dem Kopftuch auseinandergesetzt hätten, wüssten sie, dass das Kopftuch in vorderster Linie keinen religiösen, sondern einen stammesgeschichtlichen Hintergrund hat. Darum gibt es auf der Welt so viele Kopftuch-Arten wie Dörfer. Kein Schwarzwaldmädel käme aber je auf die Idee, ihren übergroßen Kirschenhut auch zur Robe im Gerichtssaal zu tragen.

 

Das Kopftuch diente wie eh und je der Unterscheidung der Stämme, dem Schutz vor Staub, Regen und Sonne, und vor allem dem Bedürfnis der Männer, ihre Frauen vor Begehrlichkeiten ihrer Geschlechtsgenossen zu schützen.  Mohammed hatte noch einen politischen Grund, denn die in Stammestracht gekleideten Frauen waren im heiligen Kampf gegen die Ungläubigen besser erkennbar. (Sure 33 / 59)

 

Einen Verstoß gegen die Religionsfreiheit zu konstruieren, ist absurd, zumal der Koran in keiner der drei Suren ein Kopftuch vorschreibt. Was wäre denn, wenn Deutschland zur Wahrung der Religionsfreiheit ein Einheitstuch vorschreiben würde? Wäre damit Religionsfreiheit gewahrt?

Wie wir alle aus zahlreichen Äußerungen wissen, soll das Kopftuch auch die Züchtigkeit der islamischen Frau gegenüber der westlichen Frau demonstrieren. Und das hat mehr mit Kritik an der westlichen Lebensweise zu tun, als mit Religion. Und wie stehen wir dazu, wenn wir von den Zuwanderern verlangen, dass sie sich an unserer Kultur anpassen und nicht umgekehrt? Wenn sie im Gegenteil unsere Kultur ablehnen, wieso kommen sie dann zu uns?

 

Und genau diese Frage beschäftigt die Bevölkerung, sieht sie doch unserer Werte bedroht, insbesondere das Grundgesetz. Und ausgerechnet die Bedrohung unserer Werte durch das Kopftuch und das Beiwerk Scharia wollen unsere Richter schützen? Denn Religionsfreiheit kann man dem Kopftuch weder aus privaten noch politischen Gründen zubilligen. Im Gegenteil: wer in Deutschland, im Westen ankommen will, muss das Kopftuch ablegen. Wer das nicht will, kann gerne gehen, wir halten keinen auf. Wie bitteschön wollen die Augsburger Verwaltungsbürokraten denn dann noch Burka, Tschador und zig andere Vermummungen verbieten? Weltfremder geht´s nicht. Ähnlich hat es auch Atatürk gesehen, als er das Kopftuch als rückständiges und politisches Kleidungsstück in der Türkei verboten hatte.

 

Eigentlich ist es doch so: Wir alle oder die wenigsten hätten etwas gegen ein Kopftuch. Sollen die Menschen doch rumlaufen, wie sie wollen, und das Kopftuch sieht mitunter wunderschön aus. Da es aber gerade in den religiösen islamischen Staaten einen rigorosen Zwang zum Tragen eines Kopftuchs bis hin zu Mord und Totschlag gibt, sind wir -  und nur deshalb – so empfindlich zwischen behaupteter und echter Religionsfreiheit. Wenn auch Andersgläubige in den islamischen Staaten zum Verhüllen gezwungen werden, dann wissen wir, dass dieser Zwang irgendwann auch bei uns ausgeübt wird, nämlich dann, wenn der Islam die Mehrheit stellt. Wollen wir da wirklich so naiv sein, wie unsere Augsburger Richter?

 

Ich meine: Ganz klar nein.

 

Und noch etwas: Die Kopftuchdiskussion zeigt auch den desolaten Zustand unserer Eliten. Da verbietet eine Schule in einem Fall das Kopftuch, in einem anderen Fall wieder nicht, da verbieten Richter in einem Fall das Kopftuch, in einem anderen wieder nicht. Und trotz der täglichen Einforderung unserer Leitkultur: Es geschieht nichts.

 

Der Staat greift in unser Alltagsleben mit tausenden von Vorschriften bis ins Detail ein. Im wohl wichtigsten Fall, dem reibungslosen Zusammenleben innerhalb der Kulturen hält er sich auffällig zurück. Jeden Abend wirbt er für Schluckimpfung und Kinderfürsorge, gegen Diebstahl und Betrug. Aber für unsere Leitkultur werben, das tut er nicht. Dabei wäre es doch so einfach: Man könnte jeden Abend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Werbespot senden, speziell an unsere Zuwanderer gerichtet, was die Deutschen mögen und was nicht, z. B. Kopftücher. Wie wäre es da mit der Aussage:

 

 „Könnt Ihr machen, finden wir aber nicht gut. Wer in Deutschland ankommen will, sollte auf das Kopftuch verzichten. Ein aufgeklärter Islam braucht das nicht. Selbst der Koran fordert es nicht ein.“

 

Wir bräuchten dann keine Gesetze, keine Verbote, die meisten Muslime würden es auch so verstehen.

 

Nachtrag

 

Im Übrigen hat es die Vollverschleierung im Islam niemals gegeben. Es handelt sich um eine Tradition, die man bei den Beduinen, sowie in Afghanistan und in Pakistan fand. Der Islam möchte, daß die Frauen züchtig auftreten und ihre sexuellen Reize nicht über die Maßen zur Schau stellen. Selbst daß sie ihr Haar mit einem Kopftuch bedecken, ist keine Verpflichtung.

                                                                                                   Tahar Ben Jelloun, marokkanischer Schriftsteller, FAZ 18.7.2016